Rheinland-pfälzische Wirtschaft schrumpft um 4,5 Prozent

Die Corona-Pandemie hat 2020 tiefe Spuren in der rheinland-pfälzischen Wirtschaft hinterlassen. „Preisbereinigt nahm das Bruttoinlandsprodukt um 4,5 Prozent ab“, verkündet Marcel Hürter, der Präsident des Statistischen Landesamtes in Bad Ems. Die Pandemie und die Schutzmaßnahmen zu ihrer Eindämmung führten zu dem zweitgrößten Einbruch der Wirtschaftsleistung in der Nachkriegsgeschichte. Nur im Jahr 2009 – dem Höhepunkt der Finanz- und Weltwirtschaftskrise – sank das Bruttoinlandsprodukt stärker (Rheinland-Pfalz minus 5,0 Prozent, Deutschland: minus 5,7 Prozent). Der Rückgang der Wirtschaftsleistung fiel schwächer aus als in Deutschland (minus 4,9 Prozent) und in den westdeutschen Bundesländern ohne Berlin (minus 5,1 Prozent).

In jeweiligen Preisen belief sich das Bruttoinlandsprodukt 2020 auf 142 Milliarden Euro (minus 4,5 Milliarden Euro bzw. minus 3,0 Prozent gegenüber 2019). Der Anteil von Rheinland-Pfalz am deutschen Bruttoinlandsprodukt beläuft sich damit auf 4,3 Prozent.

Deutliche Einbußen in der Wertschöpfung der Industrie

Besonders stark ist die Industrie von der Pandemie betroffen. Verglichen mit dem Vorjahr ging die Wirtschaftsleistung des Verarbeitenden Gewerbes preisbereinigt um 10,7 Prozent zurück (Deutschland: minus 10,5 Prozent). Aufgrund des hohen Anteils an der gesamten Wirtschaftsleistung (22 Prozent) belief sich der Beitrag der Industrie zur Schrumpfung der rheinland-pfälzischen Wirtschaft auf 2,6 Prozentpunkte. „Die Wirtschaftsleistung ging in fast allen Branchen des Verarbeitenden Gewerbes zurück“, erläutert Marcel Hürter. In den vier bedeutendsten Industriebranchen (Chemieindustrie, Herstellung von Kraftwagen- und Kraftwagenteilen, Maschinenbau sowie Metallerzeugung und -bearbeitung) lag der prozentuale Rückgang der preisbereinigten Bruttowertschöpfung im zweistelligen Bereich. Die rheinland-pfälzische Industrie belastete besonders die Unterbrechung von Lieferketten sowie der massive Rückgang der in- und ausländischen Nachfrage während der ersten Infektionswelle im zweiten Quartal 2020.

Wirtschaftsleistung der Dienstleistungsbereiche schrumpft ebenfalls kräftig

Auch die Dienstleistungsbereiche waren von der Pandemie stark betroffen, und zwar insbesondere die kontaktintensiven Dienstleistungsbereiche (z. B. das Gastgewerbe), die im Frühjahr und am Jahresende vom Lockdown betroffen waren. Die Bruttowertschöpfung der Dienstleistungsbereiche, die einen Anteil von 66 Prozent an der gesamten Wertschöpfung haben, schrumpfte preisbereinigt um 4,0 Prozent (Deutschland: minus 4,3 Prozent). Bedingt durch den hohen Wertschöpfungsanteil trugen die Dienstleistungsbereiche mit minus 2,6 Prozentpunkten genauso stark zur Schrumpfung der rheinland-pfälzischen Bruttowertschöpfung bei wie die Industrie.

Den größten Einbruch der Dienstleistungsbereiche verzeichnete der Teilsektor „Handel, Verkehr, Gastgewerbe, Information und Kommunikation“. Im Berichtsjahr verringerte sich die Wertschöpfung preisbereinigt um 4,1 Prozent (Deutschland: minus 4,9 Prozent). Besonders im Gastgewerbe kam es zu einem deutlichen Einbruch der Wirtschaftsleistung. Auch im Bereich „Öffentliche und sonstige Dienstleister, Erziehung und Gesundheit“ ging die Wertschöpfung mit einem Minus von 4,6 Prozent merklich zurück (Deutschland: minus 4,4 Prozent). Im Teilsektor „Finanz-, Versicherungs- und Unternehmensdienstleister; Grundstücks- und Wohnungswesen“ fiel der Rückgang der Wirtschaftsleistung etwas schwächer aus (minus 3,1 Prozent; Deutschland: minus 3,8 Prozent). Innerhalb dieses Teilbereichs schrumpfte der Bereich „Unternehmensdienstleister“ mit einem Minus von 7,8 Prozent am kräftigsten (Deutschland: minus 8,1 Prozent).

Wertschöpfung im Baugewerbe nimmt zu

Das Baugewerbe wurde von der Pandemie und den Maßnahmen zur Eindämmung kaum getroffen. Verglichen mit dem Vorjahr wuchs die Wirtschaftsleistung sogar, und zwar preisbereinigt um 5,5 Prozent (Deutschland: plus 2,8 Prozent). Das war der kräftigste Anstieg der Bruttowertschöpfung des Baugewerbes seit zehn Jahren. Wegen des vergleichsweise geringen Anteils an der gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfung (6,7 Prozent Deutschland: 6,1 Prozent) bremste das gute Ergebnis des Baugewerbes den Rückgang der rheinland-pfälzischen Wirtschaftsleistung aber nur wenig ab (0,3 Prozentpunkte).

Landwirtschaft mit einem Plus

Nach dem kräftigen Rückgang der preisbereinigten Wirtschaftsleistung 2019 um 16,3 Prozent konnte der Bereich „Land- und Forstwirtschaft, Fischerei“ 2020 ein leichtes Plus verbuchen. Verglichen mit dem Vorjahr stieg die Wirtschaftsleistung des primären Sektors preisbereinigt um 2,1 Prozent (Deutschland: minus 0,7 Prozent). In jeweiligen Preisen sank die Wirtschaftsleistung um 6,6 Prozent (Deutschland: minus 11,3 Prozent). Ein deutlicher Rückgang der Güterpreise des primären Sektors zum Vorjahr ist Ursache für diese große Diskrepanz der realen und der nominalen Entwicklung.

Erwerbstätigkeit erstmals seit zehn Jahren rückläufig

Die Zahl der Erwerbstätigen erreichte in den vergangenen Jahren neue Höchststände. Im Jahr 2019 arbeiteten durchschnittlich 2,05 Millionen Erwerbstätige in Rheinland-Pfalz. Aufgrund des starken pandemiebedingten Einbruchs schrumpfte die Zahl der Erwerbstätigen 2020 erstmals seit zehn Jahren und lag im Jahresdurchschnitt bei 2,02 Millionen. Verglichen mit dem Vorjahr hatten 2020 etwa 28.800 Personen weniger ihren Arbeitsort in Rheinland-Pfalz (minus 1,4 Prozent; Deutschland minus 1,1 Prozent). In der Finanz- und Weltwirtschaftskrise 2009 ging die Erwerbstätigkeit nur um 0,1 Prozent zurück. Von dem pandemiebedingten Einbruch ist – anders als in der Krise 2009 – auch der Dienstleistungssektor im starkem Maße betroffen. Im rheinland-pfälzischen Dienstleistungssektor arbeiten fast 73 Prozent aller Erwerbstätigen.

Ein noch stärkerer Einbruch der Erwerbstätigkeit konnte wohl durch die massive Ausweitung der Kurzarbeit verhindert werden. Diese besonders in der Industrie und den Dienstleistungsbereichen eingesetzte arbeitsmarktpolitische Maßnahme sowie Ausfallzeiten durch Geschäftsschließungen im Zuge der Lockdowns und krankheits- oder quarantänebedingte Arbeitsausfälle sorgten für einen historischen Rückgang des Arbeitsvolumens. Das Arbeitsvolumen, also die tatsächlich geleisteten Arbeitsstunden aller Erwerbstätigen, schrumpfte 2020 um 4,6 Prozent (auf knapp 2,64 Milliarden Arbeitsstunden Deutschland: minus 4,7 Prozent). Je Erwerbstätigen wurden durchschnittlich nur noch 1.307 Stunden geleistet (minus 3,3 Prozent); in Deutschland waren es mit 1.332 Stunden 25 Stunden mehr. Im Ländervergleich ist allerdings zu beachten, dass Rheinland-Pfalz den höchsten Anteil an marginal Beschäftigten aufweist. Auch die Teilzeitquote der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten liegt über dem Bundesdurchschnitt.

Arbeitsproduktivität nahezu konstant

Da das Arbeitsvolumen in Rheinland-Pfalz etwas stärker schrumpfte als das reale Bruttoinlandsprodukt, nahm die Arbeitsproduktivität, gemessen als preisbereinigtes Bruttoinlandsprodukt je Arbeitsstunde, im Berichtsjahr leicht zu, und zwar um 0,2 Prozent (Deutschland: minus 0,2 Prozent). Je Erwerbstätigenstunde wurden in Rheinland-Pfalz 2020 in jeweiligen Preisen 53,73 Euro erwirtschaftet. In Deutschland war das Bruttoinlandsprodukt je Arbeitsstunde um 2,15 Euro und in den westdeutschen Bundesländern ohne Berlin um 3,97 Euro höher.

Die Ergebnisse für 2020 basieren auf ersten vorläufigen Berechnungen des Arbeitskreises „Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen der Länder“, die sich auf Basisstatistiken des Berichtszeitraumes Januar bis Dezember stüt¬zen. Für einzelne Branchen liegen noch keine länderspezifischen Ergebnisse vor. In diesen Wirtschaftszweigen werden einheitlich für alle Länder die Entwicklungen in den nationalen Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen (VGR) unterstellt.
Mit den Ergebnissen der 1. Fortschreibung 2020 legt der Arbeitskreis „Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen der Länder“ die ersten detaillierten Ergebnisse der Revision 2019 zur Bruttowertschöpfung nach Wirtschaftsbereichen sowie zum Bruttoinlandsprodukt auf Länderebene vor. Die Ergebnisse sind abgestimmt auf den Berechnungsstand des Statistischen Bundesamtes vom Februar 2021.
Weitere Informationen finden Sie im Internetangebot des Arbeitskreises „Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen der Länder“ unter www.vgrdl.de.

Autor: Matthias Kowalczyk

Abbildung: Balkendiagramm Preisbereinigtes Bruttoinlandsprodukt 2020 nach Ländern

Abbildung: Säulendiagramm Preisbereinigtes Bruttoinlandsprodukt in Rheinland-Pfalz und in Deutschland 2009 bis 2020

Bruttoinlandsprodukt 2020 nach Ländern
LandBruttoinlandsprodukt 1)
in jeweiligen Preisenpreisbereinigt
Milliarden EuroVeränderung gegenüber dem Vorjahr in %
Baden-Württemberg500,8-4,2-5,5
Bayern610,2-4,1-5,5
Berlin154,6-1,4-3,3
Brandenburg73,9-1,2-3,2
Bremen31,6-5,4-7,0
Hamburg118,1-4,4-5,8
Hessen281,4-4,3-5,6
Mecklenburg-Vorpommern46,0-1,4-3,2
Niedersachsen295,9-3,5-4,9
Nordrhein-Westfalen697,1-2,8-4,4
Rheinland-Pfalz141,9-3,0-4,5
Saarland33,6-5,0-6,7
Sachsen125,6-2,6-4,4
Sachsen-Anhalt62,7-2,3-3,9
Schleswig-Holstein97,2-1,5-3,4
Thüringen61,5-2,8-4,6
Deutschland3. 332,2-3,4-4,9
Nachrichtlich:   
Westdt. Länder (ohne Berlin)2. 807,9-3,7-5,1
Ostdt. Länder (ohne Berlin)369,7-2,1-4,0
1) Das Bruttoinlandsprodukt zu Marktpreisen umfasst den Wert aller in einem abgegrenzten Wirtschaftsgebiet produzierten Waren und Dienstleistungen abzüglich der bei der Produktion verbrauchten Güter. Es ist Ausdruck der in einer bestimmten Region erbrachten wirtschaftlichen Leistung in einer Periode. Es entspricht der Summe der Bruttowertschöpfung zu Herstellungspreisen der Wirtschaftsbereiche zuzüglich dem Saldo aus Gütersteuern und Gütersubventionen. Absolute Angaben liegen nur in jeweiligen Preisen vor. Entsprechend internationaler Konventionen und verbindlicher europäischer Rechtsvorschriften wird preisbereinigt nur die Veränderungsrate bzw. der Kettenindex dargestellt.

Abbildung: Balkendiagramm Bruttoinlandsprodukt in jeweiligen Preisen 2020 nach Ländern

Erwerbstätige und geleistete Arbeitsstunden 2020 nach Wirtschaftsbereichen
WirtschaftsbereichErwerbstätigeGeleistete Arbeitsstunden der Erwerbstätigen
Rheinland-PfalzDeutschlandRheinland-PfalzDeutschland
1.000Veränderung gegenüber dem Vorjahr in %Millionen
Stunden
Veränderung gegenüber dem Vorjahr in %
Land- und Forstwirtschaft, Fischerei38,9-3,5-3,561,7-4,6-4,5
Produzierendes Gewerbe511,4-1,8-1,6734,7-4,3-4,6
produzierendes Gewerbe ohne Baugewerbe385,6-2,5-2,3541,3-5,2-5,8
darunter verarbeitendes Gewerbe358,8-2,6-2,5500,1-5,4-6,3
Baugewerbe125,80,30,7193,4-1,8-1,0
Dienstleistungsbereiche1.469,7-1,2-0,91.844,5-4,8-4,8
Handel, Verkehr, Gastgewerbe, Information und Kommunikation496,9-2,5-1,8624,6-7,4-6,9
Finanz-, Versicherungs- und Unternehmensdienstleister, Grundstücks- und Wohnungswesen271,2-1,8-2,2353,5-6,0-6,5
öffentliche und sonstige Dienstleister, Erziehung, Gesundheit701,60,00,6866,5-2,2-2,0
Insgesamt2.020,1-1,4-1,12.640,9-4,6-4,7
Bruttoinlandsprodukt und Bruttowertschöpfung 2020 nach Wirtschaftsbereichen
Bruttoinlandsprodukt
Bruttowertschöpfung
Wirtschaftsbereich
(Wertschöpfungsanteil in Rheinland-Pfalz)
Rheinland-PfalzDeutschland
in jeweiligen Preisenpreisbereinigtin jeweiligen Preisenpreisbereinigt
Millionen EuroVeränderung gegenüber dem Vorjahr in %Millionen EuroVeränderung gegenüber dem Vorjahr in %
Bruttoinlandsprodukt zu Marktpreisen141.905-3,0-4,53.332.230-3,4-4,9
Bruttowertschöpfung zu Herstellungspreisen128.348-2,6-4,83.013.885-3,0-5,2
Land- und Forstwirtschaft, Fischerei (1,2%)1.572-6,62,122.089-11,3-0,7
Produzierendes Gewerbe (32,5%)41.664-4,9-6,8872.741-5,2-7,5
produzierendes Gewerbe ohne Baugewerbe (25,8%)33.061-8,6-9,4690.275-8,5-9,7
darunter verarbeitendes Gewerbe (22%)28.300-10,6-10,7593.849-9,9-10,5
Baugewerbe (6,7%)8.60312,25,5182.4669,42,8
Dienstleistungsbereiche (66,3%)85.112-1,4-4,02.119.055-1,9-4,3
Handel, Verkehr, Gastgewerbe, Information und Kommunikation (18,7%)24.002-3,1-4,1629.291-3,8-4,9
Finanz-, Versicherungs- und Unternehmensdienstleister, Grundstücks- und Wohnungswesen (22,4%)28.805-1,3-3,1788.904-2,1-3,8
öffentliche und sonstige Dienstleister, Erziehung, Gesundheit (25,2%)32.305-0,2-4,6700.8600,0-4,4

 

 

 

 

 

 

 

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